Google bejubelt eine schallende Ohrfeige

Google und seine Kritiker jubeln gleichermaßen. Die Suchmaschine darf ITA Software kaufen, bekommt dafür aber ein enges Korsett angelegt. Wie Google auch damit den Flugmarkt umkrempeln kann.


Aus Sicht von Google-Kritikern dürfte die am Freitag erteilte Kartell-Freigabe des US-Justizministerium wohl nur einen Schönheitsfehler haben: Google darf tatsächlich ITA Software kaufen. Der Rest des Papier ist eine schallende Ohrfeige gegen den Suchmaschinenbetreiber.


Es ist erstaunlich, wie herzlich Google diese Klatsche bejubelt. Um die Macht Google bei der Suche nach Flugpreisen in Grenzen zu halten, legen die Behörden dem Internet-Giganten massiv Steine gigant in den Weg. Die größten Brocken sind:

  • Die Ankündigung weiterer kartellrechtlicher Ermittlungen für den Fall von Komplikationen und Beschwerden von Mitbewerbern.
  • Die Pflicht Googles, sowohl die in den USA hoch geschätzte Flugarifdatenbank QPX als auch den in der Entwicklung befindlichen Realtime-Nachfolger Insta-Search von ITA im vollen Umfang externen Partnern zur Verfügung zu stellen.
  • Die Verpflichtung an ITA Software, weiterhin losgelöst von Google zu operieren und für externe Reise-Portale und Meta-Search-Anbieter technische Firewalls anzubieten, die einen Zugriff Googles auf die Daten dieser Kunden unmöglich machen.

Ganz wichtig ist noch ein vierter Punkt, der bislang in der Diskussion vernachlässigt ist.

  • Google darf mit Airlines keine Vereinbarungen abschließen, die einen exklusiven Zugriff auf Informationen über Sitze und Buchungsklassen ermöglichen. Diese Angaben sind bislang in vielen Buchungs- und Preisvergleichssystemen nur unzureichend dargestellt. Google wird es kaum besser machen können als die Konkurrenz.

Gewiss, der Wettbewerb kommt nun mächtig unter Druck. Für Meta-Searcher wird es auch mit Firewall zunehmend schwer, sich mit ihren Produkten von der neuen ITA-Mutter Google und dessen künftiger Flugsuche abzugrenzen. Diese bekommt über den ITA-Deal nun zwar vorerst keine exklusive Technik, wohl aber exklusives Know-How. Das reicht vermutlich nicht dafür, auf Google.com bessere Preise anzuzeigen als auf einem x-beliebigen Reise-Portal. Aber es reicht für das ursprünglich ausgegebene Ziel Googles: die Suche nach Reiseangeboten noch besser zu machen.


Wer den Jubel-Blogpost von Google-Vice-President Jeff Huber genau liest, der erahnt wohin die virtuelle Reise gehen kann. Als Beispiel für die Flugsuche der nächsten Generation wählte er das Beispiel " flights to somewhere sunny for under $500 in May". Mit diesem Salat aus Worten und Zahlen kann bislang keine Flug-Booking-Engine in der Welt etwas anfangen. Sie ist eine Mischung aus semantischer Suche ("irgendwo in die Sonne"), georeferenzierter und persönlicher Suche (Google weiß künftig den Abflugort und möglicherweise auch das Reiseverhalten des Users) und einer guten Tarifdatenbank wie eben ITA.


Diese Mischung können aber auch externe Mitbewerber nachbauen. Die Herausforderung für Reise-Portale und IT-Anbieter könnte darin bestehen, zügig in Location Based Services und semantische Suche zu investieren. Ob das ausreicht, um Google langfristig ernsthaft in Schach zu halten, bleibt eine offene Frage.


Wer also ist der Verlierer dieses Deals, wenn sowohl Google als auch seine Gegner von der Lobby-Organisation Fairsearch jubeln? Möglicherweise sind es mittelständische Reise-Portale und Consolidator, schlimmstenfalls die Travel Technology vom GDS bis zum Tarifdatenspezialisten. Die Abhängigkeit des Vertriebs von Technologie-Partnern, die auf Augenhöhe mit Google spielen, wird sicher zunehmen. Für den Bereich Tarifdaten ist langfristig Fairplay gesichert. Möglicherweise wird die Schlacht aber in ganz anderen Technologie-Segmenten als bei den Angebotsdaten geschlagen. Ob der Mittelstand hier langfristig mithalten kann? Ich würde es mir sehr wünschen. Nichts ist unmöglich, oder?
 

KOMMENTARE
von Salim Sahi, 10.04.11, 14:46
> Google weiß künftig den Abflugort

Weiss Google auch heute schon. Geo-Lokalisierung anhand der IP ist genau genug um an die umliegenden Flughäfen des Users zu kommen.
von anonym, 10.04.11, 16:02
Wie relevant ist tatsächlich die semantische Suche auf Nicht-Google Seiten? Auch wenn ich das ganze technologisch äußert spannend finde und erste technische Experimente bei uns recht interessant verlaufen sind, habe ich Bedenken dass die User mit dieser Suchmöglichkeit im Kontext Reisebuchung nicht umzugehen wissen. Ich lasse mich aber gerne vom Gegenteil überzeugen.
von Stephan Hochdoerfer, 10.04.11, 16:40
Auch interessant: http://seo.at/2011/04/google-suchergebnisse-mit-ho...

Google stellt in U.S. jetzt schon die Hotelpreise zum Vergleich in der organischen Suche dar. Da ist das Thema Semantik zumindest hinfällig. Wird Big G jetzt der neue Hotelpreisvergleich? Scheint so, als will man (siehe ITA Flugtickets) jetzt dick in die Touristik einsteigen. Hoffnung bereitet da nur, dass Google ausser "Suche" bisher noch nie etwas auf die Reihe bekommen hat (Social Networks Fails, gescheiterte Groupon-Übernahme etc.)

Off-Topic & Im Allgemeinen: Google ist nicht der eigentliche "Feind" der Touristik, dass sind eher die Jungs, die sich die "Lücken" des Algorithmus zu eigen machen (leidiges Thema).

Hochachtungsvoll, T

Hochachtungsvoll, T
von Touristiker, 11.04.11, 14:53
Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass Google große Vorteile daraus ziehen kann. Die touristische Suche wird verbessert aber was Google einfach fehlt sind Informationen über die User (mal abgesehn von Googleaccounts, Toolbar,etc..).
Ich denke Metasuchmaschinen wie Kayak haben gute Chancen in Zukunft weiterhin Marktanteile zu gewinnen: Breites Angebot + Login mit Facebook = Suche 2.5.
Oder?
von Michael, 11.04.11, 17:01
Jetzt ist der Deal durch und man kann Google noch einmal gratulieren. Sie haben ja lange ausgeharrt und gekämpft. Der Deal muss sich lohnen.
Alle sind jetzt glücklich oder machen gute Mine zum bösen Spiel. Die GDS der Amerikaner geben noch keine eigenen Kommentare ab, lediglich Amadeus meldet sich zu Wort.
"Amadeus says its core business is providing booking technology for agents, airlines and others, “wherever that search is generated from – including searches arising from Google”.
So kann auch nur jemand sprechen, der eine gewaltige Armada von Airlines hosted und der tatsächlich mit seinem Altea viele dieser Kunden einfangen kann.
Da tun sich die anderen GDS schon schwerer, die müssen um die Online Agenturen und Reisebüros kämpfen.
Auch betont Amadeus, dass es in Europa noch nicht viele ITA Anwendungen gibt und hier mit seinen Produkten Masterpricer und Affinity Shopper glaubt einen Marktvorsprung zu besitzen.
Warum sind die OTAs in den USA zumindest äusserlich glücklich? Sie haben Zeit gewonnen. Zumindest bis 2016 dürfen sie mit der Technologie aus Boston weiterarbeiten. Da hoffen einige sicher, dass bis dahin Google das Schicksal von ATT ereilt haben wird.
Google darf auch keine exklusiven Deals mit den Airlines aushandeln, aber dass werden sie sowieso nicht vorhaben, da sie ja dann direkt an die Airline verweisen wird, die ja jeden Preis in Ihr System stellen kann.
Nun warten wir mal auf die Geschäftsmodelle, die da kommen werden. Sicher ist nur, die Wertschöpfungskette im Flug ist nicht vergleichbar mit den Hotels.
Fluggesellschaften mögen wir an dieser Stelle noch einmal auf den Unterschiede von CPC und CPO hinweisen.
Am Ende wird Vertrieb immer Geld kosten, aber eine Auswahl an Vertriebswegen lässt diese auch immer in Konkurrenz stehen. Ich errinnere mich noch an die Zeiten, als wir mit nicht zu knappen Incentives der Airlines zu den GDS gelockt wurden. Die Geister, die ich rief.... Liebe Airlines lernt daraus und macht Euch nicht abhängig.
Spannende Zeiten!!

Alex
von Alex, 11.04.11, 20:23
Die Krake zeigt Ihre hässliche Fratze
von Jogi, 11.04.11, 21:54
"Salat-Suche" ...wer will das schon? "Fly to somewhere sunny". Also ich hab schon lange keinen Menschen mehr sagen hören "Egal wohin nur Sonne". Und wie soll eine Software Sonne garantieren? Oder auch nur über "somewhere sunny" informieren. Kauft Google jetzt Kachelmann´s Wetter-Stationen?
M.E. wird es auf Kombinationen hinauslaufen bei denen Google mehr als nur an einem Produkt verdient "Florida 2 Adult 2 kids 6 and 9 to Florida Disney Land" Hier können neben Infos auch AdWords und Displays angezeigt werden. Florida (Info), Hotel (Anbieter), Disney (Eintrittskarten), Flug (ITA) und ggf. Groupons.... und jedes mal verdient Google mit...
von B.Hellmuth, 13.04.11, 10:39
Eigentlich geht es doch gar nicht um die Suche. Ich will mich doch durch die Erfahrungen des Kollektives inspirieren lassen - mache nennen das social search. Nutzer werden aus meiner Sicht künftig durch aktive Daten bestehend aus jeglichen Informationen inspiriert werden (zB Facebook Stream) und hierbei selbst eine immer passivere Rolle einnehmen.

Internetnutzer werden immer weniger darüber nachdenken müssen wie sie eine Information auffinden. Die Information findet den Nutzer vermeintlich zufällig, im richtigen Kontext... ohne dass ein Nutzer aktiv nach dieser gesucht hat. Stichwort dazu sind auch die heute noch fehlenden Intermediäre.
von D.Josten, 02.05.11, 15:57
Hier noch etwas Brandaktuelles zum Thema "Google und die Flugsuche": http://searchengineland.com/google-tests-new-trave...
Sieht alles ein wenig "steril" aus, und bestätigt (bis jetzt noch) meine Vermutung: Google "krankt" bei emotinalem Design und Usability.
von Touristiker, 25.05.11, 14:13
So...jetzt ist es also raus: Win-Win Situation für Google und die Airlines - Kostenersparnis von 10 Euro pro Buchung: http://www.googlewatchblog.de/2011/12/fluege-in-de...
von Daniel, 02.01.12, 20:32
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