Ein teurer Deal, selbst für Google
Selbst für Google ist der Kauf von ITA Software ein großer Deal. Doch die Übernahme hat auch Schwachstellen und Google offenbart eine überraschend amerikanische Sichtweise. Was der IT-Gigant jetzt tun muss (und wohl auch wird).
Google investiert also 700 Mill. US-Dollar, um eben selbst kein Online-Reisebüro zu werden und brav die Kunden von ITA weiter zu bedienen. Alle Fakten zu der wohl spektakulärsten Übernahme in der Travel Technology finden Sie hier. Und die Erklärung, weshalb Google selbst kein Online-Reisebüro werden kann und darf, gibt es hier. Bleibt eine Frage: Weshalb tut Google sich das an?
Experten sind sich einig: Kein Unternehmen verfügt derzeit in den USA über eine bessere Suchabfrage für Flugtarife als ITA Software. Und kein Unternehmen ist mit seiner mächtigen Tarifdatenbank in den USA ein größerer Herausforderer für die GDS als eben ITA. Aber genau hier beginnt die extrem amerikanische Sichtweise Googles. Der offizielle Google-Blog zur ITA-Übernahme beginnt mit folgenden denkwürdigen Worten: "Fast die Hälfte der Flugtickets werden heute online verkauft. Aber für viele ist die Suche nach dem besten Preis ein frustierendes Erlebnis." Das ist falsch! Und genau das ist für Google das...
- Risiko Nr. 1: Google argumentiert allein nach den Regeln und Zahlen des US-Marktes. Allein dort, wenn überhaupt, mag der Online-Anteil für Flugtickets bei 49 Prozent liegen. In Deutschland ist er weitaus geringer und übrigens auch in teuren Studien nicht meßbar. Denn ein Großteil des Online-Geschäfts läuft über die Online Booking Engines der Geschäftsreiseketten und ist trotz seiner IP-Technik von Expedienten gesteuert. Und da kommen wir auch schon zum...
- Risiko Nr. 2: Der Geschäftsreisemarkt tickt völlig anders als die unorganisierte Reise. Amex, BCD & Co werden sich hüten, ihr Online-Geschäft künftig via Google-Technik zu generieren. Das von den Kunden gewünschte Reporting und der Datenschutz schreien nach geschlossenen Systemen. Für Google wird es eine Herausforderung sein, diesen Markt zu knacken. Wenn das wiederum nicht gelingt, könnte das 700-MIll-Euro-Investment schnell ein Flop werden.
- Risiko Nr. 3: Auch die Traveltech-Insider in Europa sind begeistert von der ITA-Technik. Doch die Tarifdaten des QPX-Systems sind nur so gut, wie der Markt es zulässt. Wenn ich es richtig sehe, kann ITA so ziemlich alles, um an Tarifdaten zu kommen: Von der Direktanbindung an die Tarifdatenbanken der Airlines bis zum schnöden Screenscraping. Aber: In Europa ist der IT-Markt viel feinteiliger. In den USA gibt es keine Ferienflüge, die exklusiv via Toma gebucht werden (denn es gibt kein Toma). Es gibt keine Ryanair, dass sich massiv gegen den Drittverkauf wehrt. Und es gibt weniger Consolidator, die ihre Tarife in eigenen Datenbanken und nicht über das globale ATPCO-Format in den Markt bringen.
Da sich Google offenbar schon bei den Umsatzzahlen allein auf US-Zahlen verlässt ist das Risiko hoch, dass die Suchmaschine auch an dieser Stelle etwas schlampig gearbeitet hat. Und um es klarzumachen: ITA ist sicher in der Lage, diese Punkte abzuarbeiten. Sie hat es nur noch nicht getan und sie wird auf die Kooperation mit Airlines und Consolidator in Europa angewiesen sein. Und andere IT-Unternehmen scheinen hierzulande aktuell weiter zu sein als die neue Google-Tochter.
- Risiko Nr. 4: Die Beteuerung Googles, selbst kein Online-Reisebüro zu werden, halte ich für durchaus aufrichtig. Allerdings: Viele Kunden von Google teilen diesen Standpunkt nicht. Es geht die pure Angst um. Völlig klar: Google bleibt solange neutraler (Meta-)Suchdienstleister, bis das Adwords-Geschäft die erwarteten Gewinne abwirft. Ein radikaler Wechsel ist jederzeit möglich. Trotzdem, der Markt sehnt sich nach Alternativen zu Google: Exakt deshalb sind Meta-Suchmaschinen wie Kayak, Billigflieger.de oder Cheapflights.com groß geworden. Wenn Google eine Chance im Meta-Search haben will, müssen sie besser sein als alle anderen. Das wiederum wird Sympathie-Punkte bei den Adwords-Kunden kosten. Und genau daraus könnte ein Teufelskreislauf für Google werden, oder?
Fazit: Google und ITA sind perfekte Partner. Aber der Spagat zwischem neutralen Medienpartner und exklusivem Traveltech-Anbieter ist enorm. Der Deal ist also alles andere als ein Selbstläufer, oder?

Ob es gefällt oder nicht.....so ist es nun mal und eine Industrie wird auch damit umgehen können.
Herr Rogl, ich gebe Ihnen Recht, es geht im Prinzip um den unorganisierten Flugverkehr ausserhalb von Travel Management Companies. Aber das ist ja auch schon ein großes Geschäftsfeld.
Aber was wird sich denn verändern?? Google wird mit Hilfe von ITA wesentlich intelligentere Antwort, als den bloßen Verweis auf Travelsites zu geben. Fragen und Antworten werden relevanter und transparenter.. Diese Relevanz wird teurer und wird Geschäft verlagern. Betroffen sind GDSs, OTAs, Metasearcher, Reisebüros und natürlich der Supplier, die Airline. Der Kunde wird auf jeden Fall davon profitieren, da das Einkauferlebnis sich wahrscheinlich verbessern wird. Da Google keinen Artenschutz in der Distributionskette kennt, werden die GDS sich sehr gut überlegen, wie nachhaltig sie im B to B Geschäft ihre Existenz sichern wollen. Auf jeden Fall gewinnen wird die Einsicht, wie wichtig ein gutes CRM ist. Den Kunden dauerhaft an seine Marke zu binden war noch nie so wertvoll wie heute und morgen.Denn sehr oft kann man sich den Kunden für das billigste Ticket zwischen 2 Punkten nicht über den Preisvergleich oder Google einkaufen.
Ich gebe Herrn Rogl Recht, es wird zunächst Auswirkungen auf den US Markt haben. Aus gutem Grund ist ITA nicht nennenswert in Europa vertreten, da die Fragmentisierung und geringe Größe der einzelnen Märkte in Europa sehr aufwendig und teuer zu bearbeiten ist. Alle amerikanischen GDS können davon ein Lied singen. Hier ist Amadeus einer der Hauptlieferanten für eine Flug- und Tarifsuche. Dennoch werden sich meiner Meinung nach, auch in Europa die Spielregeln langfristig ändern.
Wird Google sein Geschäftsmodell ändern? Meiner Meinung nach Nein, aber sie werden wichtiger und der Markt, und da spielt Google eine große Rolle,wird entscheiden, welchen Pfad der Kunde zu seinem Flug einschlägt.
Bitte denken Sie auch daran, dass ähnliches mit dem Hotels passieren wird. Hier sind die Supplier fragmentierter, aber die Eintrittsbarieren für den von Google vermittelten Direktvertrieb auch geringer.
Das ist meine unbedeutende Meinung, aber ich freue mich auf die nächsten Jahre. Es wird spannend.
Alexander von Koslowski
durch den direkten Buchungsweg im Netz verloren gehen ? Sind wir allein in Deutschland im Dienstleistungs- und Fachhandel schon bei über 10 Millionen angekommen ? Und dabei bringt der Wettbewerb es mit sich, dass keiner mehr
etwas verdient oder glaubt wer, mit unter 5 € pro Ticketaufschlag kann jemand noch Geld verdienen ? Was passiert, wenn selbst bei Hotelreservierungen oder PKW-Mieten nur noch Mini-Renditen möglich sind ? Die Globalisierung macht alle ärmer.